Wie der Windhag zu seinem Namen kam

Vor vielen, vielen hundert Jahren, als Havena noch ein kleines Dorf war und noch nicht lange begründet, und Bosparan noch stand, da war die Küste des heutigen Windhag, das Gebirge und das Land zu seinen Füßen noch wild und kein Mensch wohnte dort. Doch der Kaiser im fernen Bosparan wollte das ändern und so schickte er brave Bauern, Fischer, Handwerker und Soldaten aus, auch dieses Land, das ihm gehörte, zu bebauen und fruchtbar zu machen. Doch das Land war rauh und das Wetter wild und es gab nur wenig geschützte Plätze um Häuser zu bauen. So kam es, dass eines Tages ein braver Bauer, ein götterfürchtiger aufrechter Mann, sein Haus an einer offenen Stelle bauen musste, wo man in der Ferne sogar das Meer der Sieben Winde sehen konnte.

Bald stand ein festes Haus, mit großer Scheune und er zog mit Frau und Kindern ein. Er bestellte die Felder und alles gedieh und das Wohlgefallen der Götter schien auf ihm zu ruhen. Doch eines Abends zog ein Sturm vom Gebirge her auf. Der Mann sicherte Haus und Scheune und harrte im Haus die Nacht wachend mit seiner Familie aus. Dort hörten sie wie der Donner krachte, der Regen auf das Dach trommelte und der Wind wütend an dem Hof riss. Am Morgen war es endlich vorbei. Das Haus und die Scheune standen noch, doch Sturm und Wind hatten seine Felder verwüstet. Geduldig und götterfürchtig nahm der Mann es hin und sagte sich: "Gut, dann will ich es mit dem versuchen, was hier wächst und werde Holzfäller!"

Also ging der Mann daran Holz zu schlagen und in seiner Scheune einzulagern, um es zu verkaufen. Er fand gute, gerade und dicke Stämme in großer Zahl und bald war seine Scheune gefüllt und er musste das Holz draußen lagern. Das Wohlgefallen der Götter schien auf ihm zu ruhen. Doch da zog abermals ein Sturm vom Berg her auf. Wieder sicherte der Mann Haus und Scheune und harrte aus. Eine Nacht und einen Tag ergoss sich der Regen in Strömen, es donnerte und der Wind heulte, bis es endlich vorbei war. Das Haus stand noch, doch der Sturm hatte die Scheune eingeworfen, in den Wäldern die schönsten Stämme geknickt und der Regen sein Holz davongeschwemmt. Der Mann nahm es hin, vertraute auf Tsa und ihre elf Geschwister, und sagte sich: "Gut, dann will ich es mit Vieh versuchen, das kann ich in den Stall bringen, wenn ein Sturm kommt."

Also baute der Mann einen festen Stall an sein Haus an und schaffte sich Schafe an und seine Herde wuchs und wieder schien das Wohlgefallen der Götter auf ihm zu ruhen. Doch nicht lange und wieder zog ein Sturm auf. Der Mann brachte das Vieh in den Stall und verriegelte ihn fest, schloss alle Türen und Fenster des Hauses und harrte aus. Eine Nacht, einen Tag und noch eine Nacht peitschte der Regen, krachte der Donner und wütete der Wind, bis es endlich vorbei war. Das Haus stand noch, doch der Wind hatte den Stall vom Haus gerissen, Balken für Balken und Stein für Stein davongetragen und über den ganzen Windhag verstreut. Und seine Schafe waren tot oder auseinandergetrieben. Da jammerte der Mann nun doch und klagte lauthals die Götter an, wie ungerecht sie seien, während er sich aufmachte, sein Vieh zu suchen, denn sonst hätte er nichts mehr gehabt.

Da der Wind sein Vieh jedoch weit in die Berge hinaufgetrieben hatte, wo es Höhlen gab und die Schafe vor dem Sturm sicher waren, kam der Mann so weit, wie vorher noch nie ein Untertan des Kaisers jemals gekommen war. Dort traf er auf alte Männer, nicht dreiviertel so groß wie er selbst, mit weißen Bärten und Haaren und Augen voll Weisheit. Denen klagte er sein Leid, da sonst niemand da war. Die zauberkräftigen Zwerge - denn solche waren es - zeigten sich mitleidig und sagten:
"Wir sind Hüter der Winde und kennen sie gut. Sie sind wilde, rauhe Gesellen und nicht leicht zu bändigen, aber wir hegen sie, damit sie nicht zu viel Unheil stiften. Doch es ist wie mit einer Herde Schafe - manchmal bricht eines aus und man muss es suchen. Und wenn ein Wind flieht, dann richtet er schon mal Schaden an.
Sieh, diese Berge sind wie ein Hag*, um die Lande dahinter vor allzu scharfen Winden von See her zu verschonen. Doch ganz verhindern lässt sich der Wind nicht. Aber wir wollen dir helfen." Und sie zeigten dem Mann, wie windfeste Häuser zu bauen wären und wie er gut mit dem Wind leben könnte. Freudig und dankbar ging der Mann wieder hinab und gab sein Wissen weiter und damit auch den Namen des Gebirges: Windhag.

* Hag: Ein sehr altes Wort für Hecke oder Windschutz